Arbeitsgemeinschaft Verhaltensmodifikation Schweiz

Buch- und Filmrezensionen

Plakat des Films  «Thorberg»

Titel:

Thorberg - Wieso tut Mann Böses? Wird Mann so besser?

Von:

Dieter Fahrer

Jahr:

2012

Inhalt:

Im Dokumentarfilm «Thorberg» geht es um das Berner Hochsicherheitsgefängnis und sieben Insassen aus sieben Nationen. Der Film berichtet von Entgleisungen, Verzweiflung, Reue und Hoffnung. Die sieben Insassen erzählen von ihren Gedanken und Geschichten. Sie geben somit ein intimes Portrait von sich selbst preis.

Rezension:

Gewalt, ein omnipräsentes Thema unserer Gesellschaft. «Thorberg» zeigt uns Menschen, die Taten begingen, welche wir kaum nachvollziehen können, uns überfordern und Angst machen. Wir richten darüber, ob „diese Monster“ verwahrt werden sollen oder machen uns Gedanken darüber, wie viel sie uns Steuerzahler kosten. Angst und Wut treiben uns, veranlassen uns, für die Schützungsbedürftigsten unserer Gesellschaft mehr Sicherheit schaffen zu wollen. Zu Recht, meine ich. Doch als Psychologin stelle ich mir wie viele andere, u.a. auch Dieter Fahrer, noch andere Fragen. Wer sind diese Menschen, die wir schnell als Monster und Psychopathen sehen? Was haben sie erlebt, dass es ihnen möglich ist, solche Taten zu begehen? Und wie ergeht es ihnen in der Haft?

Dieser Film beantwortet einige dieser Fragen, konfrontiert uns aber auch mit einigen sehr schwierigen Betrachtungs- und Reaktionsweisen der Häftlinge. Wiederholt wirft er die Frage auf, ob es in solch einer Institution überhaupt möglich ist, sich zu ändern, eine Reintegration überhaupt stattfinden kann. Ich hatte den Eindruck, dass einige Häftlinge sich in dieser Isolation mit sich selbst auseinandersetzen, reflektiert sind und vieles über sich lernen konnten. Werden diese Menschen, wenn sie ihre Strafe abgesessen haben, ein Leben zurück in der Realität aufbauen können und aus ihren Fehlern lernen, nicht rückfällig werden? Bei vielen zweifle ich daran. Die Isolation scheint sie noch unsicherer zu machen. Sie führt zu Depressionen und verstärkt den Hass, den die Häftlinge vielfach der Welt und anderen Menschen gegenüber schon haben. Die Gefangenschaft erfüllt zwar hier den Zweck einer Bestrafung, schreckt vielleicht auch Nachahmungstäter ab, doch schützt sie potentielle neue Opfer meiner Meinung nach langfristig nicht.

«Thorberg» regt zum Nachdenken an und hat mich wiederholt angehalten, den Menschen hinter den Taten zu sehen. Die intensive psychotherapeutische Arbeit halte ich in diesen Fällen für notwendig und sinnvoll, unabhängig davon, ob eine Reintegration möglich sein wird. Es sind vielfach Menschen, die mit sich selbst und dieser Welt überfordert und meiner Meinung nach auf Unterstützung angewiesen sind. Dies hilft nicht nur ihnen, sondern auch den Menschen, die früher oder später wieder mit Ihnen zusammenleben werden.

AutorIn:

MSc Manuela Christen, Psychologin FSP